level 2

Ist Zeit wahrnehmbar?

1

Kein anderes Bild hat unsere Vorstellung von Zeit so tiefgreifend geprägt wie der stetige Fluss der Zeit, der an uns vorüberzieht. Die Idee dazu lässt sich auf den Philosophen Heraklit zurückführen. Seine Metapher Panta rhei (alles fließt) bringt zum Ausdruck, dass alles einem ständigen Wandel unterliegt. 

2

Zeit als Fluss also.
Diese Analogie hält keiner genaueren Prüfung stand.
Denn Zeit kann nicht -wie ein Fluss- an mir vorüberfließen.
Schon weil ich selbst diese Zeit verkörpere. Ich bin Teil des zeitlichen Geschehens, keineswegs außerhalb oder davon ausgeschlossen. Fließt Zeit, dann fließe auch ich (im zeitlichen Sinne). Warum sollte ich eine Ausnahme bilden, während die Zeit durch die Welt strömt und dabei alles und jeden erfasst?
Gerade weil wirklich alles fließt, ist dies nicht zu bemerken. Niemand kann ja aus diesem Strom heraustreten (so wie man etwa aus einem Fluss steigt) und dabei feststellen: “Sieh, da fließt etwas an mir vorbei!”

3

Der Zusammenhang in einfachen Worten:

Zeit kann nicht an mir vorüberziehen. Denn ich bin selbst die Zeit.  

Diese Erkenntnis schafft Klarheit hinsichtlich der meisten Fragen, die uns hier begegnen. Doch der zweite Schritt ist von noch größerer Bedeutung:

Wo nichts vorüberzieht, lässt sich ein Vorüberziehen nicht beobachten. 

Die Tragweite dieser Schlußfolgerung, so banal sie zunächst scheint, ist erheblich:

Ein Zeitfluss -sollte er existieren- bliebe unbemerkt!

Um einen Fluss der Zeit in Betracht zu ziehen, müssen wir einen solchen also behaupten; denn beobachten lässt er sich nicht.

4

Das Ergebnis ähnelt dem des Levels 1:
dort führte das Fehlen von Vergangenheit und Zukunft - als Pole der Zeit - ebenfalls zu einem Nichtvorhandensein des Zeitflusses.

Doch noch aus ganz anderen Gründen ist ein Zeitfluss nicht zu bemerken:

5

Meine Sinne erschließen mir die Welt, aber nicht die Zeit.
Der Versuch, die Zeit zu berühren - wie fühlt sie sich an? Wie schmeckt sie? Hat sie einen Geruch? Ist sie laut oder leise? Warm oder kalt?

Jede dieser Fragen bleibt unbeantwortet.

So lassen sich weder Minuten beobachten, noch schmeckt der Montag nach sauren Drops. Ich spüre auch keine Zukunft auf meiner Haut.

6

Einwurf: das menschliche Gehirn kann durch komplexe Abgleiche ein „Zeitgefühl“ (Chronognosie) durch ständige Wiederholung trainieren. 

Beispiele: 

• Ich wache auf, kurz bevor der Wecker klingelt. 
• Ich bekomme immer um dieselbe Uhrzeit Hunger. 

Dies gleicht jedoch eher einer Konditionierung biologischer Bedürfnisse als einer echten Sinneswahrnehmung von Zeit. Zeit lässt sich schlichtweg nicht direkt durch die Sinnesorgane registrieren, die Evolution hat uns mit keiner entsprechenden Sensorik ausgestattet. Doch warum eigentlich nicht? Weil wir es für unser Überleben nicht benötigen? Oder weil die Zeit nicht existiert?

7

Die Gründe dafür liegen auf der Hand!

Die Zeit -so sie denn existiert- ist durch und durch substanzlos:

• Gerade weil sie keine Form besitzt, kommt sie in allen Formen zur Entfaltung.
• Gänzlich immateriell gelingt es ihr, sich in jeglicher Materie zu manifestieren.
• Inhaltslos trifft sie auf alle Inhalte.
• Ohne eigenes Gewicht bewegt sie alle Gewichte der Welt.
• Und nur weil sie selbst kein spezifischer Prozess ist, kann sie erst in allen Prozessen gleichermaßen wirken.

Sie passt sich allen Bedingungen an, allen Geschwindigkeiten, allen Ereignissen. Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Was aber bereits deutlich wird:
Nur dank einer in jeglicher Hinsicht umfänglichen Gestaltlosigkeit kann sie überhaupt erst so unglaublich kompatibel sein. Eigene Merkmale jedoch, ihre Beschaffenheit, ihr Wesen, gehen dabei Richtung Null.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn uns die Evolution keinen Zeitsinn mitgab. Denn worauf sollte dieser auch reagieren? 

8

Die Zeit - wie ein unsichtbarer Geist - durchdringt alles und jeden. Doch ein Geist ist immerhin noch ein Geist. Eine gänzlich eigenschaftslose Zeit würde hingegen einem Nichts ähneln.
Wie konnte es uns also gelingen, sie aufzuspüren? 
Die vorgebrachten Argumente deuten eher auf etwas völlig anderes hin.

9

Womit ich es hier zunächst zu tun bekomme:

• Vermutung (unsichtbar, substanzlos und unbemerkbar)
• Verallgemeinerung (in allem und überall).

Addiert münden diese Aspekte direkt in den kosmischen Status der Zeit:
gerade weil sie so ungreifbar ist, zugleich aber überall präsent, kann es sich nur um eine unerklärliche Dimension handeln.

Das Bemerkenswerte daran: obwohl wir üblicherweise nur das glauben, was wir sehen, oder wovon wir uns selbst überzeugen können - hier verhalten wir uns entgegengesetzt. Wir glauben an die Zeit, gerade weil wir sie nicht wahrnehmen können. Die Tatsache, dass wir die Dimension Zeit als Grundlage für unser Weltbild wählen, zeugt von dieser Haltung. Es ist ein Zeugnis blinden Vertrauens.

Fazit: dass wir ihrer nicht habhaft werden können, führt nicht zu prinzipieller Infragestellung, sondern -im Gegenteil- zu einer umfassenden Anerkennung.

10

Wie an diesem Punkt weitermachen?
Angenommen, Zeit steckt in allem und ich kann sie dennoch nicht wahrnehmen. Dann wäre es ebensogut möglich, dass sie nirgendwo enthalten ist. Denn in beiden Fällen bemerke ich sie ja nicht. Welche Rolle spielt es da, dass ich mir darüber den Kopf zerbreche? Der gesunde Menschenverstand biegt hier ab.
Um also nicht gänzlich in der zeitlichen Leerheit verloren zu gehen, kommen zunächst wieder alltägliche Betrachtungen zu Wort: auf Level 3 !
stay tuned!

Zusammenfassung

· Der Fluss der Zeit lässt sich nicht bemerken, solange alles fließt.

· Zeit kann nicht vorüberziehen, da wir selbst Zeit sind.

· Unsere Sinnesorgane können keine Zeit erfassen.

· Zeit ist substanzlos und kann nur deshalb überall vermutet werden.

· Wir erheben Zeit zu einer Dimension, weil wir sie nicht wahrnehmen können.